Die virtuelle Liebe
Am Anfang, als das Internet konkrete Formen annahm, verschwendeten
die Entwickler nicht einmal den Bruchteil eines Gedankens daran: Virtuelle Liebe? Was sollte das sein? Dieser
Begriff war 1969, als das Internet geboren wurde, bestenfalls aus Zukunftsromanen, oder für alle, die besser neudeutsch
verstehen, aus Science-Fictions geläufig.
Schließlich steckte hinter dem Netzwerk ein ziemlich nüchterner Sinn. Man verknüpfte damit Forschungseinrichtungen
und Universitäten, erhöhte somit die Rechnerkapazitäten, was ja keine schlechte Idee war. Als Geldgeber für dieses
Projekt trat das US-Verteidigungsministerium auf, womit man den Hintergedanken wieder als tod-ernst bezeichnen
könnte. Denn, welcher Tagträumer kommt auf die Idee, dass sich dieses Ministerium mit der Liebe beschäftigt?
Aber naturgegeben liegt vielen Menschen das Verlangen nach Liebe näher, als die Wissenschaft und Gott sei Dank auch
näher, als kriegerische Auseinandersetzungen. Und somit hat das ewig wiederkehrende Herzensbedürfnis: Mann sucht
Frau oder Frau sucht Mann, einen neuen Weg gefunden. Das Internet wurde gewissermaßen positiv zweckentfremdet.
Es erleichterte den Flirt, die Partnersuche, den Start in eine neue Ehe. Und dieses moderne Medium setzte sich
bei Singles rasch durch. Zumal damit auch jene zum Zug kommen, die sich im realen Leben selbst im Wege stehen,
sobald es um die Partnersuche geht. Damit sind Männer gemeint, die in Sekundenschnelle zum Legastheniker mutieren,
wenn sie einer fremden Frau gegenüberstehen. Oder Frauen, denen die zwanghafte Angst, an den Falschen zu geraten,
jede mögliche Beziehung im Keim erstickt.
Dabei stehen die Chancen, im Internet die große Liebe zu finden, gar nicht so schlecht. Zum Beispiel in Foren,
die sich mit allen denkbaren Dingen beschäftigen, wo man sich Rat holt, oder sein Herz ausschüttet. Und solche
Foren gibt es bereits wie Sand am Meer. Auch die Chaträume, die man schon besser als Flirträume bezeichnen sollte,
sind inzwischen ebenfalls unzählbar. Allerdings bleibt im Chat jeder auf der Strecke, dessen Tippgeschwindigkeit
nicht mit den 'professionellen' Chattern Schritt halten kann und der nicht über ein gewisses Maß an Schlagfertigkeit
verfügt.
Aber egal, auch wenn man nicht über diese Qualifikationen verfügt, oder einfach nicht genügend Zeit für
die Kontaktpflege mit anderen Chattern hat, so finden sich im Internet seriöse
Partnerbörsen, wo man seiner
Wunschfrau oder seinen Wunschmann begegnen kann. In einer Singlebörse bleibt genügend Zeit, um nach den richtigen
Worten zu suchen und diese dann zu versenden, außerdem bekommt man auch Vorschläge, welcher der anwesenden Single
als passender Lebenspartner oder Lebenspartnerin infrage kommen könnte.
Was ist virtuelle Liebe?
Es gibt also ausreichende Möglichkeiten, in der virtuellen Welt sein Glück zu finden. Aber was versteht man unter
einer virtuellen Liebe?
Nun, die Liebe entsteht bekanntlich in unserem Kopf, ausgelöst durch äußere Eindrücke. In der Realität kann es das
Treffen mit einem sympathischen Menschen bewirken. Es kann auch innerhalb von Sekunden passieren. Zum Beispiel dann,
wenn uns der Anblick eines Menschen den Atem verschlägt, weil er, oder sie genau die Erscheinung verkörpert von der
wir die letzten Jahre geträumt haben. Oder wenn uns die Worte des anderen Menschen wie Honig ins Ohr gehen und in
unserem Gehirn etwas dahinschmelzen lassen. Möglicherweise ein Gefühl entsteht, wir haben nun jemanden gefunden,
mit dem wir eine gemeinsame Seele teilen.
Und so wie das letzte Beispiel, funktioniert auch der Beginn der virtuellen Liebe. Mit dem Unterschied, dass wir
Worte in Zeilen umgesetzt vorfinden, die sich von der Oberfläche des Bildschirms einen Weg in unser Gemüt bahnen,
um dort die entsprechende Stimmung auszulösen. Weiters, dass man sich nicht persönlich gegenübersteht, was aber
die Kommunikation eher erleichtert. Es kommt somit keine Unsicherheit darüber auf, ob man richtig gekleidet,
frisiert, rasiert ist, und so weiter.
Wenn die Botschaften aus dem Netz in unser Ego passen, so formt man sich
ein Bild des Kommunikationspartners, findet eine Zugehörigkeit, wird vielleicht sogar abhängig von der virtuellen
Anwesenheit der unsichtbaren Person. Alles, ohne dass der Mensch, mit dem man sich eventuell bereits im Flirt-Stadium
befindet und zu dem zärtliche Gefühle heranwachsen, physisch anwesend ist. Ob sich dieser Jemand in der Nachbarwohnung
befindet, oder auf der gegenüberliegenden Seite unserer Erde, das spielt im Internetzeitalter keine Rolle mehr.
Die Gedanken zweier Menschen finden trotzdem in Sekundenschnelle, den Weg zueinander. Und jeder in Schriftzeichen
manifestierte Gedanke kann eine geistige Vorstellung wachrufen, welche bezüglich Intensität ein reales Ereignis
oft übertrifft.
Die Traumfrau, den Traummann aus dem Internet?
Dabei geht es um den Wunschtraum vieler Singles, der sich durchaus auch materialisieren kann. Der uns aber genauso gut unvorsichtig
machen kann.
Denn wenn die Fantasie erst so richtig in Fahrt gekommen ist, so sind wir gerne bereit, alles zu glauben, was der
Mensch am anderen Ende der Datenautobahn erzählt. In uns hat sich ein Wunschbild gefestigt, das wir nicht mehr
gerne loslassen. Wir wollen ja unsere schöne Welt nicht wieder verlieren, die wir endlich im Internet gefunden
haben.
Und die Dinge machen vieles auch so einfach. Niemand erfährt über den anderen mehr, als dieser selbst von sich
preisgibt (sofern keine Webcam im Spiel ist). Jeder kann sich so darstellen, wie er gerne sein möchte.
Der bierbäuchige Endsechziger beschreibt sich als dreißigjähriger Mister Sixpack mit Sportwagen. Die übergewichtige
Hausfrau und Mutter dreier Kinder stellt sich als zwanzigjährige gertenschlanke, langhaarige Blondine vor. Mit
dieser Art von 'Eigenwerbung' gelingt es schnell, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sich einen kleinen Fanclub
zu züchten und der Einsamkeit Adieu zu sagen. Natürlich würde ein reales Treffen alle romantischen Verbindungen
sofort wieder zerstören. Aber Menschen, die sich solcher Vorgangsweisen bedienen, ziehen es vor, Bekanntschaften
ausschließlich über das Netz zu pflegen.
Aber seien wir nachsichtig. Wenn diese Leute damit dem grauen Alltag entfliehen können und so ihre Lebensqualität
erhöhen, dann sei ihnen der Ausweg über den Schwindel gegönnt.
Zur Beruhigung aber sei gesagt: Es ist nicht die Regel, dass man im Netz nur auf Menschen trifft, wie oben
beschrieben. Der Hinweis sollte nur zur Vorsicht mahnen, sofern man mit ernsten Absichten ins Internet geht.
Es gibt ganz sicher auch gut aussehende, kluge und wahrheitsliebende Menschen, die sich Freunde, einen Lebenspartner
oder eine Lebenspartnerin über das Internet suchen.
Die Chatsucht
So romantisch ein Flirt über das weltweite Netz auch sein kann. Manche Menschen - speziell Singles - erliegen der
Suchtgefahr und verschreiben sich gänzlich der Cyberwelt. Die Leichtigkeit, mit der man hier Freunde findet und
damit sein Leben scheinbar ausfüllt, kann auch zu einem Realitätsverlust führen. Ab dann spielt im Leben der
Bildschirm die Hauptrolle. Man liebt, man hasst, man streitet, man lacht ausschließlich vor dem PC. Mit Menschen,
von denen man zwar nur den Nicknamen, dafür aber schon ihre ganze Lebensgeschichte kennt, und zu denen man eine
engere Beziehung aufgebaut hat, als zu der nahen Verwandtschaft.
Auch Ehen werden durch diese Sucht gefährdet: Nicht selten findet ein Ehepartner die Bekanntschaften im Internet
interessanter, als die altbekannte Ehehälfte. Dem Autor ist ein Fall bekannt, wo sich ein Paar über das Internet
gefunden und lieben gelernt hat. Man ist zusammengezogen, hat auch geheiratet. Das Glück schien perfekt.
Aber nach einigen Monaten fühlte sich die Ehefrau wieder unwiderstehlich vom Computer angezogen, verbrachte Stunden
vor dem Bildschirm, knüpfte erneut vertrauliche Kontakte und führte auch lange Telefongespräche, die dann der
Ehemann auf der Anruferliste fand. Dass dies später zu einem Bruch der Ehe und einen nachfolgenden Rosenkrieg
geführt hat, ist bedauerlich, aber aus der Sicht des vernachlässigten Ehepartners nachvollziehbar. Es muss noch
hinzugefügt werden, dass sowohl Männer als auch Frauen Opfer der Chatsucht werden können.
Der Cybersex
Darunter versteht man einerseits die Internetsex-Sucht. Also das Betrachten von unbekleideten Körpern, welche man
im Internet auf unzähligen Seiten findet. Viele dieser Webauftritte bieten darüber hinaus auch harten Porno an, oft
an der Grenze des guten Geschmacks. Hauptsächlich unterliegen Männer der Internetsex-Sucht, was in der Folge zu
realen Beziehungsstörungen führen kann. Deren Ehefrauen setzen diese lüsternen Ausflüge oft einem Ehebruch gleich.
Erste Psychotherapeuten beschäftigen sich bereits speziell mit dieser krankhaften Entwicklung. Das Ziel der Therapie
besteht darin, den Sextrieb wieder auf eine reale Partnerin zu lenken.
Eine weitere Spielart von Cypersex wird zwischen Chattern praktiziert. Das sexuelle Erlebnis wird mental, mit
Worten vollzogen. Man teilt sich gegenseitig mit, womit man bekleidet ist und was man eben auszieht. Wo man dann
seinem Körper berührt, und so weiter. Auch diese Variante des Cybersexs führt schlussendlich zu Störungen im
realen Leben.
Andererseits gibt es Meinungen, die das Praktizieren von virtuellem Sex verteidigen. Mit dem Argument: Was macht
ein Mensch, der von der Natur derart benachteiligt ist, dass er auf normale Art niemanden findet, der mit ihm eine
Liebesbeziehung eingehen will. Hat dieser Mensch nicht das Recht, einen anderen Weg auszuwählen, um seine
menschlichen Bedürfnisse ausleben zu können?
Soll ich meine Liebe im Internet suchen ?
Nach dem Streifzug durch die Nebenerscheinungen und Gefahren, welche uns möglicherweise im Internet auflauern, soll auch die Frage beantwortet werden, ob es überhaupt ratsam ist,
sich in die virtuelle Welt zu begeben, um dort seine Liebe zu finden.
Die Antwort ist eindeutig ja. Wenn Sie nicht schon in der realen Welt Ihre Traumfrau oder Ihren Traummann gefunden
zu haben, so ist das Internet der Versammlungsort von Singles. Besonders in
Partnerbörsen ist die Anwesenheit der
Mitglieder unmissverständlich. Frauen und Männer haben nur das eine Ziel: Raus aus der Einsamkeit und hinein in
ein neues Lebensglück mit dem idealen Lebenspartner. Nirgends findet man als Single und Partnersuchender einfacher
einen Menschen fürs Herz und fürs Leben, als in einer Partnerbörse. Natürlich darf man eine Partnerbörse nicht als
Partner-Selbstbedienungsladen ansehen, wo man hineingeht, auswählt, und mit der richtigen Partner-Auswahl wieder
hinausgeht. Einiges Fingerspitzengefühl wird im Umgang mit den suchenden Singles vorausgesetzt. Das erwartet man
ja auch selbst von den anderen. Und auch mit ein wenig Geduld sollte man sich abfinden. Wenn man im realen Leben
oft jahrelang nach dem richtigen Lebenspartner sucht, darf man nicht erwarten, dass es in einer Partnerbörse
schon innerhalb von Tagen oder Wochen klappt.
Aber irgendwann klappt es immer: Am Anfang steht der virtuelle Flirt, dann die virtuelle Liebe und der Abschluss
soll die reale Liebe, verbunden mit einem harmonischen Leben, sein.
Karl Kotzina
